• Manuela Sattlegger

Licht und Schatten


„If you don’t have any shadows you’re not in the LIGHT“

Lady Gaga

Zum Thema „Schatten“ gibt es unzählig coole Sprüche und Bilder. Vielen kennen Spruch von den Zwergen und den langen Schatten (Karl Kraus) oder das Bild von der Katze mit dem Löwen als Schattenbild. In der Tiefenpsychologie hat sich C.G. Jung sehr intensiv mit dem Schatten befasst, da er die Integration der Schattenseiten als einen wichtigen Aspekt des eigenen Individuationsprozesses ansieht. Da die Mal- und Gestaltungstherapie auf den Theorien von C.G. Jung aufbaut, widme ich mich in diesem Beitrag dem „Schatten“.

Der Schatten ist normalerweise nichts, mit dem man sich so gerne befasst. Sogar der „richtige“ Schatten in der Natur fällt einem meist gar nicht auf. Auf Bildern kann ein Schatten Spannung aufbauen oder fällt uns erst auf, wenn etwas an dem Schatten ungewöhnlich oder komisch aussieht (z.B. Farbe, Größe, Komposition).

Was versteht man unter dem „Schatten“ und wie kann man ihn erkennen?

Der Schatten bezeichnet jene Seiten, die wir nicht akzeptieren können und die nicht mit unserem Bild über uns selbst übereinstimmen. Unser Idealbild passt nicht mit der Wirklichkeit zusammen und es stimmt auch oft nicht mit den Werten, die eine Gesellschaft hat, überein. Deshalb verdrängen wir diese Seiten und sehen Sie mit Vorliebe bei anderen Menschen. Dort können wir diese Seite bekämpfen – dies nennt man dann Projektion.

Vielleicht kennen Sie diese Projektion?

Bei uns zu Hause ist Ordnung ein großes Thema. Ich brauche Ordnung, innerlich und äußerlich. Mein Mann ist eher ein intuitiver Mensch (ich könnte auch chaotisch sagen) und hat einen unterschiedlichen Zugang zu diesem Thema). Ich bin allerdings eine Sammlerin und habe das Gefühl, dass ich alle Sachen noch irgendwie kreativ benötigen könnte. So habe ich eine Menge Krims-Krams und den kann ich nicht immer so ordentlich verstauen, wie ich es selbst gerne möchte. Ich kenne natürlich diese Seite an mir, aber anstatt über mich selbst zu ärgern, projiziere ich es lieber auf meinen Mann. Wenn wieder mal seine Sachen herumliegen, kann ich mich dann wunderbar über ihn ärgern…

Also - geht es für mich darum, meine kreative Seite besser anzunehmen, Abstriche von meinen Idealen zu machen, meinen eigenen Perfektionssinn zu hinterfragen und ein anderes Ventil für meinen Ärger über meine eigene Imperfektion zu finden, als die vermeintliche Unordnung meines Mannes.

Integration des Schattens im Individuationsprozess

C.G. Jung sieht in der Integration des Schattens einen wesentlichen Punkt im eigenen Individuationsprozess. Den idealtypischen Prozess der Selbstwerdung, beschreibt C.G. Jung folgendermaßen: Zuerst müsse der eigene Schatten integriert werden, der aber mit der eigenen Persona – dem Bild, wie man sich der Welt zeigen möchte, und in dem sehr viele gesellschaftliche Werte und Vorstellungen gebunden sind, manchmal in Widerspruch steht (siehe Verena Kast: Die Dynamik der Symbole, S 143). Dann müssten noch Anima und Animus (der weibliche und männliche Archetypus) integriert werden (mehr Infos zu Anima und Animus finden Sie in diesem Artikel).

„Werden, der man ist“ - „Werden, die man ist“

Verena Kast schreibt zum Individuationsprozess, dass damit die Besonderheit und die Einzigartigkeit eines Menschen zum Ausdruck kommen soll. Letztlich weiß ja niemand, wer er oder sie „wirklich“ ist. Es kann immer nur ein Annäherungsprozess sein, der mitunter verschlungene, oft nicht nachvollziehbare Wege geht.

Das Bestreben nach Autonomie

Die Jung’sche Psychologie zielt auf die Erreichung von Autonomie ab und versteht darunter, dass wir selbstbestimmter und bewusster leben können: d.h. das Unbewusste soll unser Verhalten nicht steuern, wie es z.B. bei einer Projektion der Fall ist. Ebenso möchten wir unabhängig von der Gesellschaft und den Vorgaben unserer Eltern oder Normen und Rollenerwartungen unser einzigartiges Potential zur Entfaltung bringen. Dies ist nur möglich, wenn wir unseren Schattenseiten, Komplexen, Einseitigkeiten und Potentialen auf die Spur kommen (siehe Verena Kast: Die Dynamik der Symbole, S 10f).

Verantwortung für den eigenen Schatten übernehmen

Somit zeigt uns der Schatten, dass wir nicht nur so sind, wie wir uns gerne sehen möchten. Er konfrontiert uns mit einer Seite, wogegen wir uns bewusst dagegen entscheiden, aber dennoch in unserer Seele vorfinden. Es ist leichter über andere Menschen moralisch zu urteilen und so den eigenen Schatten nicht ganz verdrängen zu müssen.

Wenn wir allerdings Verantwortung für unsere eigenen Schatten übernehmen, dann wäre es wichtig zu hinterfragen, wo eigene Projektionen auf die Verhaltensweisen anderer Menschen stattfinden. Ein guter Ansatzpunkt ist meist eine irrationale Emotionalität und moralische Wertung, die oft auf eine Schattenprojektion hinweist.

Entlastung erleben wir durch die Akzeptanz des Schattens, weil wir nicht ständig Seiten an uns verdrängen müssen. Wir müssen nicht ständig besser sein, als wir sind. Innere Konflikte und Verdrängung kosten sehr viel Energie und Schatten beinhalten aber auch oft etwas außerordentlich Lebendiges (siehe Verena Kast: Die Dynamik der Symbole, S 242f).

Aus einer familiensystemischen Sicht nehmen Pubertierende oft den Schatten des Familiensystems auf, damit sie sich in dieser Lebensphase noch stärker von der Familie loslösen können (siehe Verena Kast: Die Dynamik der Symbole, S 77).

Der kollektive Schatten

Hans-Joachim Maaz schreibt in seinem Buch „Das falsche Leben – Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft“ (S 51f) über Projektion und Spaltung: „Projektion ist also die häufigste Folge der Spaltung. Denn wohin mit den eigenen, nicht mehr wahrnehmbaren seelischen Inhalten, die ja nicht verschwunden, sondern nur nachhaltig verschlossen sind? Das Abgespaltene ist wegen seiner Bedrohungsqualität unbewusst so drängend, dass es Träger für das Verbotene finden und mieten muss. Bei anderen wird jetzt all das gesucht und denunziert, was man bei sich selbst auf keinen Fall finden darf. Der Brave braucht Freche, der Angepasste die Revoluzzer, der Fromme den Ungläubigen, sexuell Gehemmte den unverschämt Geilen, der Linke den Rechten, und umgekehrt, der Wohlstandsbürger den Wirtschaftsflüchtling, um im verhassten und gejagten Gegenbild die eigenen verpönten Anteile zu bekämpfen.

Der Umgang mit dem Schatten

Bewusstwerdung ist der erste Schritt für die Schattenakzeptanz. Wie oben ausgeführt kommt es oft zur Spaltung und Projektion. Daher ist es gut, darauf zu achten, bei welchen Menschen, Verhaltensweisen ich besonders emotional oder moralisch wertend reagiere. Und dann ganz ehrlich zu hinterfragen, ob es nicht auch meine eigenen Schattenanteile sein könnten, die ich da auf andere Menschen oder Gesellschaftsgruppen projiziere.

Annehmen des Schattens

Ute Karin Höllrigl bezeichnet die Annahme unserer Schattenseiten nach C. G. Jung als Gesellenstück einer Analyse. Sie anzunehmen bedeutet aber nicht, sie einfach nur zu akzeptieren, sondern an ihnen gestaltend zu arbeiten. Reifen wir durch den Schatten hindurch, so gelangen wir auf einen Grund, wo wir Vertrauen und Geborgenheit finden. Das Durchreifen durch den Schatten ist eine Voraussetzung für den Anschluss an die großen, heilenden Urbilder der Seele. (siehe Ute Karin Höllrigl, Die Golden Spur, S 22)

Kreative Ausdrucksmethoden

Die intellektuelle Verarbeitung bei Schattenthemen findet oft seine Grenzen, den Projektionen sind oft sehr subtil verdrängt und/oder ganz abgespalten. Intuitive kreative Ausdrucksmethoden kommen dem Kern dieser unbewussten Mechanismen oft sehr viel näher. Bilder und Gestaltungen sind von unserem Geist oft weniger zensuriert, direkter und treffen oft unbewusst besser den Kern der Sache. Die Seele versteht Bilder und Gestaltungen sofort, ohne sie sofort intellektuell erfassen zu müssen. Der Prozess der Selbstwerdung leitet uns Schritt für Schritt an, wie Schattenthemen dann immer mehr ins Bewusstsein kommen können, um verarbeitet und damit integriert werden zu können.

Es kann nichts erzwungen werden, es kann nur angeregt und mit dem, was gerade „dran“ ist, gearbeitet werden. Hier haben sich folgende Herangehensweisen bewährt:

Die Imagination

In der Imagination stellen wir Kontakt zum Unbewussten über innere Bilder her. Es ist wie Träumen am Tag – hier bieten sich Bilder wie „Begegnung mit einer schwarzen Gestalt“ oder „Haus im Wald“ an.

Bilder und Gestaltungen

Bilder und Symbole, die in der Imagination gesehen werden, können gemalt oder gestaltet werden und entwickeln somit noch einmal ein tieferes Wirken.

Unter Gestaltungen verstehe ich Arbeit mit z.B. Ton, Draht oder Gips. Hier können innere Dämonen gestaltet werden, die sich so dann in Kraftgestalten wandeln können.

Es können auch Schwarz/Weiss oder Schatten- Bilder einen guten Zugang zu eigenen Schattenthemen bieten.

Träume

Der Schatten begegnet uns auch in unseren Träumen, wenn Räuber, Diebe oder schwarze Gestalten auftauchen. Ein kreativer Umgang mit diesen Traumgestalten kann uns helfen zu verstehen, in welche Richtung unser Individuationsprozess im Moment gehen sollte (siehe Ute Karin Höllriggl, „Goldene Spur, Der Prozess einer Individuation in Träumen und Bildern. Ingeborg Bachmann und C.G. Jung. Ein Essay.“)

Letztendlich geht es um die Integration dieser Schattenthemen in mein Leben.

Wenn ich mich mehr so akzeptieren kann wie ich bin, mit meine lichtvollen, aber auch dunklen Seiten, dann kann ich mehr in meiner Mitte sein und bin ein besserer Beziehungspartner. Mein Leben ist ohne geringere innere Konflikte weniger anstrengend und dafür etwas glücklicher oder etwas anders gesagt - gelungener.

Literatur

Ute Karin Höllrigl, „Goldene Spur, Der Prozess einer Individuation in Träumen und Bildern. Ingeborg Bachmann und C.G. Jung. Ein Essay.“, Erato, Graz, 2013

Verena Kast, „Die Dynamik der Symbole. Grundlagen der Jungschen Psychotherapie“, Patmos, Düsseldorf, 1990

Hans-Joachim Maaz, „Das falsche Leben. Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft“, C.H. Beck, München, 2017

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#CGJung #schatten #Individuation #Individuationsprozess

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Mag. Manuela Sattlegger

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