• Manuela Sattlegger

Sehnsucht nach Entwicklung


Die großen Lebensprobleme sind nie auf immer gelöst. Sind sie es einmal anscheinend, so ist es immer ein Verlust. Ihr Sinn und Zweck scheint nicht in ihrer Lösung zu liegen, sondern darin, dass wir unablässig an ihnen arbeiten.” (C. G. Jung)

Der Individuationsprozess nach C.G. Jung

Viele Menschen sehen sich in der Lebensmitte mit einer veritablen Lebenskrise konfrontiert. Diese kann von außen oder innen initiiert sein, „leicht“ oder „schwer“ sein, wie z.B. Scheidung, Tod oder Krankheit eines Elternteils oder nahen Verwandten, Pflegebedarf eines nahen Angehörigen, berufliche Neu- oder Umorientierung, Verminderung der Leistungsfähigkeit, eine eigene lebensbedrohliche oder chronische Krankheit oder einfach nur ein Gefühl des „Noch-nicht-Angekommenseins“.

Die Krise in der „Lebensmitte“

In dieser Zeit stellen sich of folgende Fragen:

  • Nachdem wieder ein Jahr vergangen ist, bin ich am richtigen Weg?

  • Was habe ich im letzten Jahr erreicht und wo möchte ich hin?

  • Was habe ich im letzten Jahr über mich besser verstanden?

  • Gab es im letzten Jahr eine Krise? Wenn ja, wie habe ich sie bewältigt?

  • Was sind die noch unerledigten Dinge in meinem Leben?

Diese Gedanken geben oft Anlass über das eigene Leben nachzudenken, C. G. Jung spricht von der Krise in der „Lebensmitte“, die nach seiner Ansicht jeden in seiner eigenen Art und Weise trifft. Man spricht nicht umsonst von der „Midlife-crisis“. Viele Menschen wundern sich über diese Krise, denn „eigentlich“ geht es ihnen gut, sie haben etwas erreicht, die Kinder sind vielleicht schon auf dem Weg in die eigene Selbständigkeit oder schon außer Haus.

Die Persona steht in der 1. Lebenshälfte im Vordergrund

Und dennoch es bleibt ein leichter bitterer Geschmack, die Sehnsucht nach etwas Neuem, vielleicht noch nicht Erreichten. In der Psychologie von C.G. Jung sprechen wir davon, dass in der 1. Lebenshälfte die Persona Vorrang hatte und nun etwas anderes ansteht. Die Persona steht für die soziale Anpassung, die Maske oder auch die Rollen, die wir in unserer Gesellschaft annehmen. Und es ist auch gut so, dass wir uns in dieser Zeit um unser berufliches Weiterkommen kümmern, um unsere Familie, insgesamt um unsere Existenz.

Die wichtigen Lebensthemen kommen nun ins Spiel

Nun steht aber etwas anderes an – jetzt kommen die wichtigen Lebensthemen ins Spiel. Eine Zeit um Resümee zu ziehen, denn jetzt wäre noch Zeit, beruflich oder privat etwas anderes anzugehen. Vielleicht hat man nach den Vorstellungen der Eltern oder der Gesellschaft gelebt? Wer bin ich wirklich? Welche Sehnsüchte habe ich bis jetzt nicht erfüllt? Wo bin ich mit meinem Denken oder Gefühlen in eingefahrenen Bahnen?

Der Individuationsprozess – „Werde der, der du bist“

C.G. Jung spricht vom Individuationsprozess – „Werde der, der du bist“ und meint damit eine jedem und jeder innewohnende(n) Tendenz nach Entwicklung. Es geht darum Anstehendes zu entwickeln, Ausgespartes zu integrieren, Überholtes abzulegen. Dabei handelt es sich um einen komplexen Prozess, um zum eigenen Selbst zu gelangen.

Verena Kast schreibt zum Individuationsprozess, dass damit die Besonderheit und die Einzigartigkeit eines Menschen zum Ausdruck kommen soll. Letztlich weiß ja niemand, wer er oder sie „wirklich“ ist. Es kann immer nur ein Annäherungsprozess sein, der mitunter verschlungene, oft nicht nachvollziehbare Wege geht.

Das Bestreben nach Autonomie

Die Jung’sche Psychologie zielt auf die Erreichung von Autonomie ab und versteht darunter, dass wir selbstbestimmter und bewusster leben können: d.h. das Unbewusste soll unser Verhalten nicht steuern, wie es z.B. bei einer Projektion der Fall ist. Ebenso möchten wir unabhängig von der Gesellschaft und den Vorgaben unserer Eltern oder Normen und Rollenerwartungen unser einzigartiges Potential zur Entfaltung bringen. Dies ist nur möglich, wenn wir unseren Schattenseiten, Komplexen, Einseitigkeiten und Potentialen auf die Spur kommen (siehe Verena Kast: Die Dynamik der Symbole, S 10f).

Die 4 Stufen des Individuationsprozesses nach C.G. Jung

  1. Persona

“Die Persona ist durch unsere unbewussten Erwartungen, Wünsche, Illusionen und Vorstellungen an das Leben gekennzeichnet.” Die Persona bildet sich aus allen Erwartungen, welche Eltern und das Kollektiv an einen Menschen stellen. Diese Erwartungen können mich von meiner inneren Bestimmung trennen und hinter der Persona steht eine innere Leere. “Das Hindurchreifen durch die Persona versetzt uns erst in die Lage, uns mit den Urbildern des kollektiven Unbewussten von Sein und Werden als Mensch zu verbinden.

2. Integration des eigenen Schattens

Der Schatten ist eine Seite an uns, die wir ablehnen und die uns in der Regel peinlich ist. Auch Aspekte der Persönlichkeit, die wir ablehnen und uns fremd sind, können Schattenaspekte sein. Unsere Schattenseiten anzunehmen und mit ihnen gestaltend zu arbeiten, bedeutet durch den Schatten hindurchzureifen.

3. Integration von Anima und Animus

Als wichtige Aufgabe des Individuationsprozesses sieht C. G. Jung an, dass sich der Mann seiner Anima (das Weibliche im Mann) und die Frau ihres Animus (das Männliche in der Frau) bewusst werden. Falls es zu keiner Bewusstheit kommt, werden diese Bilder auf den/die Partner/in projiziert.

4. Das Selbst

“Das Selbst ist der “spiritus rector” des Individuationsprozesses. Es gleicht dem Samen eines Baumes, der die Endgestalt schon in sich trägt. Somit ist das Selbst das anordnende Zentrum eines ganzheitlichen Weges, auf dem wir die werden, als die wir im Samenkorn bereits angelegt sind.” “Das Selbst erscheint in den Träumen oft als Kreis, als Quadrat oder als göttliches Kind, in dem alle Möglichkeiten zum Wachsen angelegt sind.” (siehe Höllrigl, Goldene Spur, S 23-28)

Der schöpferische Prozess mit Archetypen, Komplexen, Träumen und Spiritualität spielen dabei eine wesentliche Rolle.

Diejenigen, die sich einem solchen Prozess ausgesetzt sind, fühlen sich oft allein, fremd und können was in ihnen vorgeht, nicht einordnen. Wer aber diesen Prozess annimmt und den Schatz des Unbewussten annimmt, erfährt damit, wie hilfreich und befreiend die Arbeit mit dem Unbewussten sein kann.

Der Mensch selbst ist hier das kreative Potential und es geht darum, dass er sich als Persönlichkeit ernst nimmt.

Kreative Ausdrucksmethoden

Die intellektuelle Verarbeitung bei Individuationsthemen findet oft seine Grenzen. Intuitive, kreative und/oder körperorientierte Ausdrucksmethoden kommen dem Kern dieser unbewussten Mechanismen oft sehr viel näher. Bilder und Gestaltungen sind von unserem Geist oft weniger zensuriert, direkter und treffen oft unbewusst besser den Kern der Sache. Die Seele versteht Bilder und Gestaltungen sofort, ohne sie sofort intellektuell erfassen zu müssen. Der Prozess der Selbstwerdung leitet uns Schritt für Schritt an, wie Individuationsthemen dann immer mehr ins Bewusstsein kommen können, um verarbeitet und damit integriert werden zu können.

Es kann nichts erzwungen werden, es kann nur angeregt und mit dem, was gerade „dran“ ist, gearbeitet werden.

Literatur

Ute Karin Höllrigl, „Goldene Spur, Der Prozess einer Individuation in Träumen und Bildern. Ingeborg Bachmann und C.G. Jung. Ein Essay.“, Erato, Graz, 2013

Verena Kast, „Die Dynamik der Symbole. Grundlagen der Jungschen Psychotherapie“, Patmos, Düsseldorf, 1990

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#Individuationsprozess #kreativität #CGJung

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Mag. Manuela Sattlegger

Pharmaziegasse 5. A-9020 Klagenfurt

Tel: +43 (0) 680 207 44 92 

e-mail: Manuela.sattlegger@malfreude.at

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